Schulungsmodul 07 · Strategie

KI-Strategie fürs Haus –
Einführen, ohne Chaos zu erzeugen

Welche Tools, welche Regeln, wie Betriebsrat und Team mitnehmen — und wie man eine Entscheidung trifft, die morgen noch gilt, auch wenn sich die Tools ändern.

Tool-Auswahl Interne Leitlinie Mitbestimmung Team mitnehmen KI-Agenten

Die richtige Grundlage wählen

Welches KI-Tool — und worauf achten?

Tools kommen und gehen, Grundsätze bleiben. Wer nach Prinzipien wählt statt nach Hype, trifft nachhaltigere Entscheidungen.

Der wichtigste Grundsatz: Datenschutz vor Funktionsumfang

Ein Tool mit weniger Funktionen, das DSGVO-konform betrieben wird, ist für die AWO immer besser als ein mächtiges Tool mit unklarer Datenlage. Gerade in der Sozialwirtschaft ist das keine Frage des Komforts, sondern der Pflicht.

KriteriumWas prüfen?Für AWO relevant weil…
ServerstandortEU oder Deutschland? Bei US-Anbietern: Zertifizierung nach dem EU-US Data Privacy Framework oder Standardvertragsklauseln?EU-Standort ist ein Plus, ersetzt aber nicht AVV und Freigabe
DatenverwendungWerden Eingaben für Training genutzt?Versehentliche Weitergabe interner Inhalte vermeiden
AuftragsverarbeitungAVV abschließbar?Für dienstliche Nutzung meist erforderlich
ZugangskontrolleOrganisationsaccounts möglich?Private Accounts = kein Überblick der GF
KostenLizenzmodell transparent?Budgetplanung und Trägergenehmigung
StabilitätSeit wann am Markt? Finanzierung?Schließt das Tool in 6 Monaten?
Vorsicht bei kostenlosen Tools ohne klares Geschäftsmodell
  • Kostenlos bedeutet oft: Ihre Daten sind das Produkt
  • Prüfen Sie die Nutzungsbedingungen — was darf der Anbieter mit Ihren Eingaben machen?
  • Für den dienstlichen Einsatz empfiehlt sich immer die kostenpflichtige Business-Version mit Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV) — dem Vertrag, der regelt, was der Anbieter mit Ihren Daten tun darf
Tool-Prüfung — Fragen an den Anbieter Ich brauche eine Checkliste mit Fragen an Anbieter von KI-Tools. Wofür: Wir prüfen, ob wir ein Tool in unserer gemeinnützigen Sozialeinrichtung (AWO) dienstlich freigeben können; Klientendaten werden grundsätzlich nicht eingegeben. Grenzen: Fragen, die ein Anbieter mit Ja/Nein oder einem Dokument beantworten kann. Fertig ist es, wenn die Checkliste Serverstandort und Datenübermittlung, Nutzung für Training, Auftragsverarbeitungsvertrag, Zugangsverwaltung, Speicher- und Löschfristen abdeckt.

Klare Regeln schaffen Sicherheit

Interne KI-Leitlinie entwickeln

Eine Leitlinie schützt Mitarbeiter, schafft Rechtssicherheit und verhindert, dass jeder auf eigene Faust experimentiert — mit unvorhersehbaren Folgen.

Schatten-KI: Das eigentliche Risiko des Verbietens

Wer KI verbietet, ohne sichere Alternativen anzubieten, erreicht das Gegenteil: Mitarbeiter nutzen dann private Verbraucher-Versionen — ChatGPT mit dem persönlichen Google-Konto, einen WhatsApp-Bot, ein kostenloses Tool ohne AVV. Die Daten fließen trotzdem ab — nur ohne Wissen der Geschäftsführung. Die Organisationssoziologie nennt das „brauchbare Illegalität“ (Niklas Luhmann): Beschäftigte finden Wege, ihre Arbeit zu erledigen. Eine Leitlinie mit klaren, erlaubten Tools schützt besser als jedes Verbot.

1
Grundsatzentscheidung treffen

Wird KI-Nutzung erlaubt, gefördert oder eingeschränkt? Diese Entscheidung trifft die Geschäftsführung — nicht jede Einrichtungsleitung für sich.

Empfehlung: Erlauben und regeln ist besser als verbieten — Verbote werden umgangen, Regeln werden befolgt.
2
Erlaubte Anwendungsfälle definieren

Was darf mit KI erstellt werden? Berichte, Vorlagen, Entwürfe — ja. Klientendaten eingeben — nein. Klare Liste ist besser als Graubereiche.

3
Datenschutzregeln festschreiben

Grenzen nach Art. 9 DSGVO und der Schweigepflicht explizit nennen. Ampelsystem aus Modul 03 als Anhang beifügen.

4
Abstimmen, freigeben, kommunizieren

Leitlinie vom Datenschutzbeauftragten prüfen lassen, mit dem Betriebsrat abstimmen (siehe unten) — dann offiziell einführen, nicht still per E-Mail versenden.

Vor der Freigabe eines Tools klärt der Datenschutzbeauftragte außerdem: Eintrag ins Verzeichnis der Verarbeitungstätigkeiten, ggf. Datenschutz-Folgenabschätzung, Information der Beschäftigten, Speicher- und Löschfristen für Chatverläufe.

Eine kurze Schulung bei der Einführung erhöht die Akzeptanz deutlich.
5
KI-Kompetenz fördern (EU AI Act, Art. 4)

Arbeitgeber, die KI einsetzen, müssen Maßnahmen ergreifen, um die KI-Kompetenz der Beschäftigten zu fördern — auch bei ChatGPT & Co. im Büroalltag. Seit einer Änderung im Juli 2026 ist kein bestimmtes Kompetenzniveau mehr vorgeschrieben, wohl aber das Angebot. Schulungen einplanen und die Teilnahme dokumentieren.

Weitere Pflichten (Chatbot-Kennzeichnung, KI-Texte, Aufsicht): Modul 03 — EU AI Act
KI-Nutzungsrichtlinie — Entwurf für die Geschäftsführung Ich brauche einen ersten Entwurf einer KI-Nutzungsrichtlinie für unser Haus. Wofür: Grundlage für die Abstimmung zwischen Geschäftsführung, Datenschutzbeauftragtem und Betriebsrat; die Richtlinie soll für alle Mitarbeiter verständlich sein. Material: Zweck und Geltungsbereich, erlaubte Nutzung, verbotene Nutzung (besonders Art. 9 DSGVO, Schweigepflicht, Personalangelegenheiten), Qualitätssicherung (KI-Texte immer prüfen), Schulung, Vorgehen bei Pannen, keine Leistungs- oder Verhaltenskontrolle durch KI, Verantwortlichkeiten. Grenzen: keine Rechtssprache. Fertig ist es, wenn der Entwurf höchstens zwei Seiten lang ist.

Früh einbinden spart Konflikte

Betriebsrat früh einbinden

Gibt es in Ihrem Haus einen Betriebsrat, hat er bei der Einführung von KI weitreichende Rechte. Wer ihn früh einbindet, kommt schneller zu tragfähigen Regeln — wer ihn übergeht, riskiert, dass die Einführung gestoppt wird.

Mitbestimmung — § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG

Technische Einrichtungen, die dazu geeignet sind, Verhalten oder Leistung von Beschäftigten zu überwachen, sind mitbestimmungspflichtig. Stellt das Haus KI-Tools mit dienstlichen Konten bereit, die Eingaben und Nutzung protokollieren, ist das in der Regel der Fall.

Unterrichtung — § 90 BetrVG

Der Betriebsrat ist rechtzeitig über geplante Arbeitsverfahren zu informieren und zu beteiligen — ausdrücklich auch beim Einsatz von KI.

Sachverständige — § 80 Abs. 3 BetrVG

Muss der Betriebsrat eine KI-Einführung beurteilen, darf er dafür einen Sachverständigen hinzuziehen — das Gesetz sieht das ausdrücklich vor.

Schulungen — § 98 BetrVG

Auch bei betrieblichen Bildungsmaßnahmen — also bei KI-Schulungen — bestimmt der Betriebsrat mit. Planen Sie Schulungen deshalb gemeinsam.

Empfehlung: eine Rahmenvereinbarung „KI“

Statt jedes Tool einzeln zu verhandeln: eine Betriebsvereinbarung, die den Rahmen setzt — freigegebene Tools, Datenschutzregeln, Schulung, und die klare Zusage, dass KI nicht zur Leistungs- oder Verhaltenskontrolle genutzt wird. Gibt es keinen Betriebsrat, lohnt sich derselbe transparente Weg trotzdem: Beteiligung schafft Vertrauen. (Bei kirchlichen Trägern heißt das Gremium Mitarbeitervertretung — für die AWO gilt das Betriebsverfassungsgesetz.)

Veränderung gestalten

Das Team mitnehmen

KI-Einführung scheitert selten an der Technik — fast immer an der Akzeptanz. Führungskräfte, die das Team aktiv mitnehmen, haben deutlich bessere Ergebnisse.

Was Mitarbeiter wirklich beschäftigt

Die häufigsten Sorgen: „Ersetzt KI meinen Job?“ — „Mache ich etwas falsch, wenn ich KI nutze?“ — „Ich verstehe das nicht, ich bin zu alt dafür.“ Keine dieser Sorgen ist unberechtigt. Wer sie offen anspricht, schafft Vertrauen.

Ankündigung der KI-Einführung im Team Ich brauche einen kurzen Text, mit dem wir die KI-Einführung im ganzen Team ankündigen. Wofür: Die Mitarbeiter sollen verstehen, was sich ändert und was nicht, und Lust aufs Ausprobieren bekommen. Material: was freigegeben ist [Tool, Regeln], typische Sorgen [z. B. „Ersetzt KI meinen Job?“, „Mache ich etwas falsch?“]. Grenzen: transparent und menschlich, keine Technik-Begeisterung, keine Versprechen. Fertig ist es, wenn der Text eine halbe Seite lang ist und mit einer Einladung zum Ausprobieren endet.
Bewährtes Vorgehen bei der Einführung
  • Klein anfangen: Zwei bis drei begeisterte Frühanwender im Team identifizieren und fördern — sie überzeugen die anderen besser als Rundschreiben
  • Erfolge sichtbar machen: „Diese Dienstanweisung haben wir in 10 Minuten mit KI erstellt“ — konkrete Zeitersparnis schafft Motivation
  • Fehler erlauben: KI-Texte dürfen Fehler haben, das ist normal und kein Versagen des Mitarbeiters
  • Regelmäßig nachfragen: Was klappt? Was klappt nicht? Leitlinie ggf. anpassen

Ausblick — nüchtern betrachtet

KI-Agenten

Nach den Chatbots kommen KI-Systeme, die Aufgaben über mehrere Schritte selbstständig erledigen. Ein wichtiges Thema — für die meisten Einrichtungen aber noch nicht der nächste Schritt.

Vom Werkzeug zum Agenten

Ein Chatbot antwortet auf Fragen. Ein KI-Agent setzt Aufgaben um: Er liest zum Beispiel eingehende Mails, entwirft Antworten, legt Termine an oder erinnert an Fristen. Das funktioniert heute schon in einzelnen Anwendungen — setzt aber klare Prozesse, saubere Zugriffsrechte und Regeln voraus.

🗂️

KI in der Fachsoftware

Der wahrscheinlichste erste Kontakt: Anbieter von Fach-, Dokumentations- und Verwaltungssoftware bauen KI-Funktionen ein. Fragen Sie nach, wo die Daten verarbeitet werden, ob ein AVV besteht — und beziehen Sie Datenschutzbeauftragte und Betriebsrat ein, bevor Sie Funktionen freischalten.

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Agenten in Office-Programmen

Microsoft, Google und andere bauen Agenten-Funktionen in ihre Büroprogramme ein. Ob und wann das bei Ihnen ankommt, hängt von Lizenz und IT-Dienstleister ab.

⚙️

Workflow-Automatisierung

Tools wie Make oder n8n verbinden Programme: Wenn ein Formular eingeht, wird ein Dokument erstellt und weitergeleitet. Sinnvoll für Verwaltungsabläufe ohne Personenbezug — nicht für Klientendaten.

Was das für Führungskräfte heute bedeutet
  • Datenschutz neu denken: Ein Agent, der dauerhaft auf Mails und Dokumente zugreift, braucht klare Zugriffsrechte und muss in die Datenschutzdokumentation aufgenommen werden.
  • Mitbestimmung beachten: Agenten, die in Arbeitsabläufe eingreifen, sind fast immer ein Thema für den Betriebsrat.
  • Verantwortung bleibt beim Menschen: Was der Agent tut, verantworten Sie — prüfen Sie kritische Handlungen, bevor sie wirksam werden.
  • Prozesse zuerst klären: Unstrukturierte Abläufe kann kein Agent automatisieren. Wer heute Prozesse dokumentiert, macht sie morgen KI-tauglich.
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